Aufgelesen: Stadt, Land, Osten

Lukas Haffert schaut sich die politische Geografie der Bundestagswahl an und denkt über Stadt-Land-Unterschiede nach. Thomas Klie erforscht Ursachen für unterschiedliche Wahlbeteiligung und die Bereitschaft zum demokratischen Engagement. Das Berlin-Institut vermisst die Landlust neu und sieht Wandlungen im Wanderungsgeschehen innerhalb der Bundesrepublik. Heinz Bude und Inga Haese ostdeutsche Aufbrüche und einen neuen Blick, der nicht nur Mangel beklagt, sondern sich Chancen zu eigen machen. Ein Blick in Zeitschriften und auf aktuelle Studien.

Regionale Ungleichheiten

Dass es ein wachsendes Interesse an der Geografie der deutschen Politik gibt, dafür sieht Lukas Haffert im »Merkur« eine ganze Reihe von Anzeichen. Bekannt könnte zum Beispiel das Greifswalder »Katapult« sein, ein sehr erfolgreiches »Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft«, das vor allem auf Kartendarstellungen sozialer Phänomene setzt. Aber auch bei der Berichterstattung von politischen Entwicklungen, Wahlergebnissen zumal, »werden seit einigen Jahren immer häufiger Landkarten eingesetzt, um etwa das Ost-West-Gefälle« zu illustrieren. Haffert, Oberassistent am Lehrstuhl für Schweizer Politik und Vergleichende politische Ökonomie, sieht in dem Trend keinen Zufall. Dieser »entspricht der wachsenden Bedeutung geografischer Konflikte im deutschen politischen System. Deutschland schien lange ein Land zu sein, in dem der Gegensatz zwischen urbanen Zentren und ländlicher Peripherie keine besonders große Bedeutung hat.« Das hat sich verändert. »Tatsächlich zeigt eine Vielzahl ökonomischer und sozialer Indikatoren, dass Stadt-Land-Unterschiede auch in Deutschland zugenommen haben. Das gilt noch am wenigsten für das verfügbare Einkommen«, so Haffert im »Merkur«. Worin kommen die Unterschiede stattdessen deutlicher zum Ausdruck? Sie »betreffen vor allem die Demografie, die öffentliche Daseinsvorsorge und die finanzielle Lage der Kommunen«. Linke Politik, die sich für Gleichheit und gegen soziale Unterschiede engagiert, könnte hier eine »wesentliche Botschaft« finden: »Auch wenn in Deutschland keine ähnlich simple Unterscheidung zwischen boomenden und abgehängten Regionen möglich ist wie in einigen anderen Ländern, nimmt die regionale Ungleichheit doch zu. Das Versprechen gleichwertiger Lebensverhältnisse gerät zunehmend in Gefahr.«

Region, Struktur und Demokratie

Was das für Folgen für Demokratie und Politik hat, das untersucht unter anderem Thomas Klie. Seine Forschungen über Wahlbeteiligung und die Bereitschaft zum demokratischen, zivilgesellschaftlichen Engagement zeigen, dass diese »nicht nur von soziodemographischen Faktoren abhängig« sind, sondern: »Einfluss haben auch Strukturbedingungen von Regionen«, zeigt Klie im »Forschungsjournal Soziale Bewegungen«. Was heißt das? Ähnlich wie Haffert verweist Klie darauf, dass nicht nur zum Beispiel individuelle Einkommen oder etwa Alter, Geschlecht, Bildung auf politische Aktivität Auswirkungen haben. Sondern eben auch das das, was Regionen stark prägt: die jeweilige ökonomische, soziale und kulturelle Situation. »Es ist davon auszugehen, dass diese Unterschiede zwischen Regionen nicht zufällig sind, sondern dass sie zwar unmittelbar von Erwartungen, Einschätzungen und Orientierungen der Bürger und Bürgerinnen abhängen, dass diese aber in hohem Maße durch die ökonomische, soziale und kulturelle Situation in den Regionen geprägt sind«, so Klie. »Damit erhalten die Diskussion um Strukturbedingungen von Regionen und Gemeinden und die Frage nach gleichwertigen Lebensbedingungen in Deutschland weitere empirisch begründete Nahrung«, schreibt er, und weiter: »Es zeigt sich die insgesamt erhebliche Bedeutung der hier berücksichtigten Strukturen für die Erklärung von demokratischer Integration. Deutlich wird, dass es zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern erhebliche Unterschiede gibt.« Ein Punkt dabei sei, dass dort die wirtschaftliche Leistung deutlich geringer ist, was die relative Benachteiligung erhöht, was wiederum zu Abwanderung führt, also den demografischem Druck steigert, der nicht zuletzt die Entwicklung wirtschaftlicher Leistung hemmt. 

Eine neue Landlust

Allerdings wird nicht alles immer nur schlechter, das zeigt eine Studie zum Wanderungsgeschehen innerhalb der Bundesrepublik. Unter der Überschrift »Landlust neu vermessen« haben die Wüstenrot Stiftung und das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sich die demografische Entwicklung ländlicher Regionen vorgenommen. Lange verlief diese vor allem in eine Richtung: »Viele junge Menschen ziehen für ein Studium in die Großstädte und kehrten nur selten in ihre dörfliche Heimat zurück.« Nun aber zeichne sich eine neue »Landlust« ab, verstärkt durch Pandemie, Wandel der Arbeitswelt, Digitalisierung und anderes. Diese wirkten »dabei als Umzugshelfer in entlegenere Regionen. Eine wachsende Zahl von Beschäftigten pendelt nicht mehr täglich ins Büro, sondern arbeitet digital und ortsunabhängig.« Das schlägt sich auch in Statistiken nieder. Und wenn wieder mehr Menschen in ländliche Gebiete ziehen , hat das auch Folgen für die die ökonomische, soziale und kulturelle Situation vor Ort. Die Menschen »bringen eigene Vorstellungen und Ideen mit und verändern damit die Lebenswirklichkeit in ihrer neuen dörflichen Heimat«. Die Kurzstudie geht der auch der Frage nach, »wie neue Landbewohner*innen und Alteingesessenen zu einer lebendigen Dorfgemeinschaft zusammenwachsen können«, außerdem gibt es einen »anwendungs- und praxisorientierter Leitfaden mit guten Beispielen sowie Handlungsempfehlungen für Kommunen und zivilgesellschaftliche Akteure«.

Sich Chancen zu eigen machen

Wie das, was mit der »neuen Landlust« für die ganze Republik vom Berlin-Institut als Trend ausgemacht wird, in Ostdeutschland abläuft, haben Heinz Bude und Inga Haese in den Blick genommen. Und sie haben »Aufbrüche in die post-urbane Gesellschaft« in der »Entwicklung des ländlichen Raums in Ostdeutschland« ausgemacht. In der Zeitschrift »Leviathan« wollen sie »das transformative Potenzial der Zivilgesellschaft im Osten der Republik deutlich machen«, wozu erst einmal eine andere Perspektive eingenommen werden muss – weg von einem Denkansatz, »der auf Anschlüsse und Adaptionen, Widerstände und Rückzüge beim Wandel durch den Beitritt zur BRD abhebt. Wenn man so an die Sache herangeht, gerät man unweigerlich in eine Sprache von Nachholung, Verkapselung oder Überlagerung.« Die öffentliche Wahrnehmung wird dann vor allem durch Hinweise auf Defizite und Deformationen bestimmt, die Ostdeutschen vor allem über ihr Wahlverhalten oder als »verstockte Systemverweigerung« definiert. Anders Bude und Haese: »Wir wollen hier stattdessen das Augenmerk auf soziale Neuerungen lenken, die den Zustand der ostdeutschen Gesellschaft kennzeichnen«, heißt es in ihrem Forschungsbericht. Nach Jahrzehnten der Schrumpfung wachse die Bevölkerung Ostdeutschlands wieder, diese Veränderung schlage sich auch »in der öffentlichen Selbstthematisierung des Ostens der Republik nieder«, Menschen redeten über das Zurückkehren in den Osten, über »ihren« Osten als einen Ort, der neue Erwerbs- und Lebenschancen eröffne. Vor allem in der jüngeren Generation wolle ein Teil »nicht mehr nur den Mangel beklagen, sondern sich die Chancen zu eigen machen«. Befunde dafür haben Bude und Haese in ihrer Evaluation des umfangreichen Förderungsprogramms »Neulandgewinner« der Robert Bosch Stiftung und des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung gefunden. Dabei wurden zwischen 2013 und 2021 Projekte im ländlichen Raum in Ostdeutschland unterstützt, in denen Menschen »die brachliegende Ressourcen durch neue kulturelle Rahmungen wiederbelebt und so ein soziales Band zwischen Inseln vereinzelter Selbsttätigkeit und des Eigensinns« geknüpft haben. Es handele «sich nicht einfach um eine Bürgerbewegung, eine Initiative von Selbstständigen oder von lebensreformerisch motivierten sozialen Kreisen. Die ›Neulandgewinner‹ kombinieren das Soziale mit dem Kulturellen und Ökonomischen auf eine Art und Weise, die der Erfahrung, ostdeutsch zu sein, einen eigenen Twist verleiht. Daraus ist zu lernen, dass die Gesellschaft in Ostdeutschland keine ›Hilfe‹ von außen braucht, sondern ihren eigenen Weg nehmen kann.« Das läuft nicht ohne Widersprüche, ohne Bedrohungen, ohne Risiken ab. Auch diese machen Bude und Haese zum Thema. Aber ein Gedanke bleibt nach dem Lesen ihres Forschungsberichts: »dass positive Erzählungen entstehen und gehört werden. Dem trostlosen Bild sterbender Dörfer und politisch abgeschlossener Enklaven halten sie das von alternativen Möglichkeitsräumen entgegen«. (In der Reihe »Aufgelesen« blicken wir in Zeitungen und Zeitschriften sowie auf aktuelle Studien. Zusammenstellung: aus Susannes Büros)