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Susanne Hennig-Wellsow

Pasteten und Rotwein: Vor 50 Jahren wurde Allende Präsident in Chile


Am 4. September 1970 gewann der Sozialist Salvador Allende inmitten des Kalten Krieges die Wahlen in Chile. Der Erfolg seines Bündnisses Unidad Popular war knapp und es gab viel Gegenwind für sein Programm der sozialen Gerechtigkeit. Aber am frühen Morgen des Tages nach der Wahl stand fest: 34.000 Stimmen Vorsprung für Allende und sein Wahlbündnis, das von Sozialisten über Sozialdemokraten, der Partei der Arbeiter*innen und Bäuer*innen MAPU bis zu christlichen Linken reichte. Am 24. Oktober 1970 wurde er nach Verhandlungen mit den Christdemokraten vom chilenischen Kongress zum Präsidenten gewählt.

Allende war Arzt, hatte die Sozialistische Partei in Chile mitbegründet und schon mehrfach als Präsident kandidiert – bis dahin erfolglos. Doch die gesellschaftlichen Umstände riefen geradezu nach einer linksreformerischen Wende. Die enorme Armut der arbeitenden Menschen, die soziale Deklassierung in einem Land mit großem Reichtum nicht nur an Bodenschätzen, die himmelschreiende Kindersterblichkeit und viele weitere Probleme trieben Allendes linkem Programm die Stimmen der Wähler*innen zu: „Wir werden eine echte Demokratie errichten. Denn das Volk wird daran beteiligt sein – und nicht wie bisher nur eine Minderheit.“

Für mich als Linke heute ist es keine Nebensache, dass mit Allende 1970 erstmals überhaupt ein Sozialist, der sich offen auf Marx berief, ein Politiker, der eine ebenso radikale wie notwendige, eine ebenso soziale wie demokratische Umgestaltung auf seine Fahnen geschrieben hatte, in einer freien Wahl an die Spitze des Staates gelangte. Und es ist auch keine Nebensache, dass dafür nicht nur ein breites Bündnis linker und progressiver Kräfte allen Differenzen zum Trotz etwas politisch Gemeinsames hervorbringen musste, sondern dass zur Wahl Allendes zum Präsidenten auch die Unterstützung von Christdemokraten nötig war.

Allende hat mit der Verstaatlichung des Kupferbergbaus, mit den Bildungs- und Gesundheitsreformen, mit seinen Sozialprogrammen und der Umverteilung von Land, mit Mindestlöhnen und Preissenkungen Millionen Chilen*innen neue Hoffnung verschafft und ihnen Würde zurückgegeben. Marcela Ahumada, die Direktorin der SalvadorAllende-Stiftung in Santiago, hat das so formuliert: „Zum ersten Mal in der chilenischen Geschichte fühlten sich die Menschen als Teil eines sozialen und politischen Projekts in voller Gleichberechtigung.“

Ich weiß natürlich, wie groß auch die Schwierigkeiten waren, welche Differenzen im eigenen Lager zu Steinen auf dem Weg der linken Reformen wurden, ich weiß um die politische Blockade des Chilenischen Weges durch jene Kräfte, die kein zweites Kuba in der Region zulassen wollten. Und ich weiß auch um die Fehler und Irrwege, die das Projekt Allendes begleiteten. Aber das ändert nichts an der großen Bedeutung des chilenischen Herbstes 1970 für die demokratische Linke bis heute.

„Demokratie und Freiheit sind unvereinbar mit Arbeitslosigkeit, mit dem Mangel an Wohnraum, mit dem Mangel an Kultur, mit Analphabetismus, mit Krankheit“, hat Salvador Allende einmal gesagt. „Wie wird die Demokratie gestärkt? Indem wir mehr Arbeit geben. Besser umverteilen. Durch den Bau weiterer Häuser. Indem wir den Menschen mehr Zugang zu Bildung, Kultur und Gesundheit geben.“ Nichts daran hat 50 Jahre später seine Gültigkeit verloren.

Und mir gefällt ein Satz von Salvador Allende ganz besonders. „Die chilenische Revolution wird nach Pasteten und Rotwein schmecken.“ Es war wohl auch dieser besondere, dieser freundliche und offene Ton, der die Botschaft von Hoffnung und Veränderung mit einer Idee davon verband, dass demokratischer Sozialismus etwas sein sollte, das auch Spaß macht. Nicht zuletzt dieser Attraktivität ist es zu verdanken, dass sich weltweit Abertausende Allendes Projekt verschrieben, ihm aus der Ferne halfen oder nach Chile gingen, um vor Ort mitzuwirken. Ein ganz tolles Internetprojekt erinnert an diese Zeit der Solidarität: Allendes Internationale.

Aus meiner Kindheit ist mir auch das Gedenken an den Putsch gegen Allende in Erinnerung, der 1973 das reformsozialistische Projekt brutal beendete, die Verfolgung Abertausender linker, progressiver Kräfte einläutete und Chile einem ebenso gewaltsamen wie neoliberalen Experiment unterwarf, dessen ökonomische Ergebnisse ein Desaster und dessen politische Folgen verheerend waren. Ich erinnere mich an Plakate, auf denen um Solidarität mit der chilenischen Linken geworben wurde. Um Solidarität mit einem Projekt des demokratischen Sozialismus. Vergessen wir all das nicht, denn es gehört zu unserer Geschichte.


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Ein zentraler Anspruch an uns selbst lautet, sich nicht abzufinden mit Zuständen, die viele Menschen von den großen Möglichkeiten ausschließen, die diese Gesellschaft längst hervorbringt. Die Welt ist reich genug für alle, das sehen wir jeden Tag und wir sehen auch, wer diesen Reichtum produziert. Wir wollen, dass die Gesellschaft der vielen auch wieder mehr davon hat, und sich nicht wenige einen großen Teil davon aneignen. Wir bestehen darauf, dass sich Dinge ändern, weil wir sehen und spüren, wo es den Menschen an gesellschaftlicher Anerkennung, an sozialem Respekt, an ermöglichter Würde fehlt. Damit ist in knapper Form das umrissen, was unsere Verantwortung ausmacht. Verantwortung? Damit wird üblicherweise die Übernahme einer Verpflichtung bezeichnet, und wir können das ganz wörtlich für unseren politischen Standpunkt nehmen: die Verantwortung, alles in Bewegung zu setzen, damit Menschen besser, selbstbestimmter, sicherer und geborgener leben können.