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Susanne Hennig-Wellsow

Tag der Befreiung, Tag der Mahnung

Heute feiern wir den Tag der Befreiung vom Nazi-Regime und der Kapitulation der faschistischen Wehrmacht. Der 75. Jahrestag ist für uns auch Anlass des ehrenden Gedenkens an die Opfer des NS-Terrors. Und es ist ein Tag, an dem wir uns daran erinnern, wie aktuell die Mahnung ist und bleibt, gegen Rechtsradikalismus aufzustehen. Gerade in Zeiten, in denen AfD-Politiker*innen mit schändlichen Äußerungen über den 8. Mai als »Tag des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit« auftreten.

Ich denke in diesen Tagen oft an einen Brief, den mir der Antifaschist und Buchenwald-Überlebende Günter Pappenheim nach dem Thüringer Wahleklat vom 5. Februar geschrieben hat, als sich der FDP-Politiker Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsident wählen ließ. Günter Pappenheim, der im August 95 Jahre alt wird und sich weiterhin gegen Rechtsradikalismus engagiert, hat darin an den Schwur von Buchenwald erinnert, der uns zur »Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln« mahnt.

Dieser Auftrag ist auch heute noch aktuell. Menschen werden von Rechtsterroristen ermordet, jüdische Gemeinden angegriffen, Andersdenkende durch Straßen gejagt, es kursieren Todeslisten, Rechtsradikale hetzen gegen Migrant*innen und Geflüchtete. Fast täglich wird über antisemitische, rassistische und menschenfeindliche Attacken berichtet. Anlässlich des 75. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora habe ich im April alle Bürger*innen »aufgerufen, sich konsequent auch im Alltag gegen Ausgrenzung und Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, Herkunft oder durch Zuschreiben zu einer bestimmten Gruppe einzusetzen«. Diesen Appell wiederhole ich heute.

Aber reicht es, wenn Politiker*innen Mahnungen aussprechen? Günter Pappenheim hat ganz zu Recht darauf hingewiesen, dass es im Engagement gegen alte und neue Nazis nicht bei Sonntagsreden bleiben darf. Genauso hat es Esther Bejarano formuliert, die Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat. Sonntagsreden, die Betroffenheit zeigen, reichen nicht, heißt es in einem Offenen Brief von Esther Bejarano. Darin hat sie vor wenigen Wochen ihre Forderung erneuert, den 8. Mai zu einem offiziellen Feiertag zu machen. »Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten.«

In der DDR war der 8. Mai als »Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus« in die gesellschaftliche Erinnerung eingeschrieben. Es hat über den Antifaschismus in der DDR viele Debatten gegeben, das ist und bleibt auch wichtig. Genauso aber müssen wir über die Vergangenheit des 8. Mai in der Bundesrepublik reden. Die westdeutsche Geschichtskultur, so sagt es der Historiker Martin Sabrow, stand »dem historischen Jubiläum insgesamt und dem 8. Mai im Besonderen als Gedenktag lange Jahre fremd und distanziert gegenüber.« Der »staatliche Schweigekonsens« sei erst spät gebrochen worden, ein herausragendes Datum war dabei Richard von Weizsäckers berühmt gewordene Gedenkrede im Bundestag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985.

Auch Martin Sabrow findet, dass die Bundesrepublik der Entwicklung ihrer Erinnerungskultur angemessen Rechnung tragen würde, »wenn sie den 8. Mai unter dieser Bezeichnung zum gesetzlichen Feiertag erheben und damit zum Ausdruck bringen würde, dass der 8. Mai 1945 ein die Zeiten überdauernder Tag der befreienden Niederlage und des rettenden Zusammenbruchs war«. Ein solcher Feiertag wäre dann auch, wie Esther Bejarano meint, »Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit«. Uns es wäre ein Tag, an dem wir uns unsere historische Verantwortung immer wieder aufs Neue klarmachen.

Ich bin froh, dass die Forderung in der Politik bereits viele Unterstützer*innen gefunden hat. Auch die Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen sprechen sich für den 8. Mai als gesetzlichen Feiertag aus. Ein Aufruf der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen unter der Überschrift »8. Mai zum Feiertag machen! Was 75 Jahre nach Befreiung vom Faschismus getan werden muss!«, hat binnen weniger Wochen schon über 100.000 Unterstützer*innen gefunden.

Bisher hat nur die rot-rot-grüne Berliner Landesregierung den Tag der Befreiung in diesem Jahr zu einem einmaligen gesetzlichen Feiertag erklärt. Jetzt sollten wir, und da ist vor allem die Bundespolitik gefordert, in der ganzen Republik einen Schritt weiter gehen. Übrigens: Auf unserem Landesparteitag im vergangenen Jahr haben wir beschlossen, uns dafür einzusetzen, den 8. Mai zu einem Feiertag in Thüringen zu machen. Auf diesem Weg waren wir schon ein gutes Stück vorangekommen, dann kam der Wahleklat vom 5. Februar, jener Tag, den Günter Pappenheim zum Anlass nehmen musste, an den Schwur von Buchenwald zu erinnern.


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Unsere Politik

Ein zentraler Anspruch an uns selbst lautet, sich nicht abzufinden mit Zuständen, die viele Menschen von den großen Möglichkeiten ausschließen, die diese Gesellschaft längst hervorbringt. Die Welt ist reich genug für alle, das sehen wir jeden Tag und wir sehen auch, wer diesen Reichtum produziert. Wir wollen, dass die Gesellschaft der vielen auch wieder mehr davon hat, und sich nicht wenige einen großen Teil davon aneignen. Wir bestehen darauf, dass sich Dinge ändern, weil wir sehen und spüren, wo es den Menschen an gesellschaftlicher Anerkennung, an sozialem Respekt, an ermöglichter Würde fehlt. Damit ist in knapper Form das umrissen, was unsere Verantwortung ausmacht. Verantwortung? Damit wird üblicherweise die Übernahme einer Verpflichtung bezeichnet, und wir können das ganz wörtlich für unseren politischen Standpunkt nehmen: die Verantwortung, alles in Bewegung zu setzen, damit Menschen besser, selbstbestimmter, sicherer und geborgener leben können.