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Es geht nicht (nur) um den Ausstieg aus dem Krisenmodus. Es geht um den Einstieg in eine neue Normalität.

Heute schon absehbar ist auch, dass wir nicht in dem Maße zur Normalität zurückkehren werden können, indem wir die Normalität in den letzten Wochen eingeschränkt haben. Wir werden eine »neue Normalität« erschaffen. Sie wird dem Prinzip folgen: so viel Schutz vor Infektion wie nötig, so wenig Einschränkungen wie möglich. 

Wir werden darüber sprechen, wie viele Schüler*innen in einem Klassenzimmer welcher Größe unterrichtet werden können, welche besonderen Schutzmaßnahmen für eine Frisörbesuch notwendig sind, ob wir in der Öffentlichkeit Schutzmasken tragen müssen, welche Sitzordnung wir in Flugzeugen einnehmen werden, unter welchen Schutzvorkehrungen wir wieder Seite an Seite mit unseren Kolleg*innen arbeiten werden und über viele, viele Dinge mehr. 

Das alles sind Fragen, die beantwortet werden - Schritt für Schritt und nach für nach. Das Größte, was uns dabei abverlangt wird, ist Geduld und das Verständnis dafür, dass wir uns selbst und unseren Mitmenschen damit den besten Dienst erweisen.

Die Antworten auf diese Fragen sind wichtig, weil sie deutlich machen, worauf wir uns in den kommenden Wochen und Monaten einstellen müssen, aber auch, worauf wir uns freuen können. Das ist die eine Seite der neuen Normalität. Auf ihr liegt jetzt unser aller Augenmerk, schlicht deshalb, weil sie alle Seiten unseres Alltagslebens umfasst: wie wir arbeiten, lernen, uns vergnügen, mit Familien und Freunden umgehen. 

Die zweite Seite der neuen Normalität bildet die Art und Weise, in der wir unsere Gesellschaft organisieren. Nicht wenige meinen, nach der Krise wird es wie vor der Krise sein. Aber wird das wirklich so sein? Mehr noch: Können wir das wollen?

Die Personalausstattung der Krankenhäuser war vor der Krise schon nicht gut. Wollen wir, dass das auch danach so bleibt? Die Verkäuferinnen, Paketboten, Altenpflegerinnen und andere Berufsgruppen, von denen es jetzt heißt, sie seien »systemrelevant«, verdienen beschämend wenig. Wollen wir diese Einsicht nach der Krise wieder aus unserem Gedächtnis streichen? Die Funktionsfähigkeit des öffentlichen Lebens hängt gegenwärtig zu einem großen Teil an einer privaten digitalen Infrastruktur, über deren Verlässlichkeit wir so gut wie nichts wissen und bei der der Datenschutz nicht durchgehend gewährleistet ist. Wollen wir unser zukünftiges Leben und Wirtschaften auf eine so intransparente und unsichere Basis gründen? 

Weltweit fehlt es an Schutzkleidung für das medizinische Personal und die Bevölkerung auch deshalb, weil bei deren Herstellung und Verteilung nicht der gesellschaftliche Bedarf Vorrang hat, sondern das Gewinninteresse von Herstellern und Handel. Ist das ein geeignetes Prinzip, um lebenswichtige Güter zur Verfügung zu stellen? Die Menschen in ärmeren Staaten leiden mehr unter der Krise als die Menschen in reicheren Staaten. Und innerhalb von Staaten können sich Menschen mit höheren Einkommen besser schützen als Menschen mit weniger Einkommen. Sollen wir das als Naturgesetz hinnehmen? Die Liste dieser Beispiele und damit verbundener Fragen könnten wir noch sehr lange fortsetzen. 

Unterm Strich müssen wir uns fragen, ob wir unsere Gesellschaft schon so gut und richtig eingerichtet haben, wie wir das heute eigentlich schon könnten. Ich spreche nicht von einer fernen Zukunft, in der alles besser ist. Ich spreche davon, was wir aus der Krise lernen können. Nicht nur dafür, wie wir uns besser auf die nächste Krise vorbereiten. Sondern für unsere »neue Normalität«, die hier und jetzt beginnt. Vier Beispiele: 

Die deutsche Krankenhauslandschaft ist für die Corona-Krise denkbar ungeeignet eingerichtet. Jedes Haus – so das bislang geltende Prinzip – ist sich selbst das nächste. Man versucht, so viele lukrative Behandlungen – in der Regel Operationen – an Land zu ziehen wie möglich. Die Pflege gilt in diesem System als notwendiges, weil kostentreibendes Übel. Also versucht man, die Zahl der Pflegekräfte immer weiter zu reduzieren. Auch wenn darunter die Behandlungsqualität leidet und Beschäftigte massenweise aus dem Beruf aussteigen, weil sie den Druck nicht mehr ertragen. Nun – in der Krise – zeigt sich, was vielleicht die bessere Alternativen wären: mehr Pflegepersonal und eine Arbeitsteilung der Kliniken, die sich an der Leistungsfähigkeit für die Patient*innen orientiert statt am Umsatz. Und wir lernen, dass diese Alternativen innerhalb kürzester Zeiten verwirklicht werden können.

Pfleger*innen in der ambulanten und stationären Pflege bekommen aufgrund einer Vereinbarung von Ver.di und dem Arbeitgeberverband einen Krisen-Bonus von 1.500 Euro. Das ist gut. Hätten die Beschäftigten aber nicht generell eine deutliche Gehaltserhöhung verdient, wo sie doch »systemrelevante« Arbeit leisten – und das Tag für Tag auch in Nicht-Krisenzeiten? Könnten wir uns als Gesellschaft diese finanzielle Wertschätzung nicht leisten? Die Konzepte für eine auskömmliche Finanzierung der Pflege inklusive anständiger Löhne liegen seit Jahren auf dem Tisch: Eine Vollversicherung nach dem Vorbild der Krankenversicherung wäre die Lösung. Ja, die Beiträge würden damit um ein paar Euro im Monat steigen. Aber sollte uns das die gute Betreuung unserer alten und pflegebedürftigen Mitmenschen nicht wert sein?

Deutschland verweist – nicht zu Unrecht – gerne auf seine gute Infrastruktur. Die Wasserversorgung, der Nah- und Fernverkehr, die Müllentsorgung und vieles mehr. Es besteht Konsens darüber, dass solche Leistungen der Daseinsvorsorge in öffentliche Hände gehören. Sie sollen allen Bürger*innen gleichermaßen zu Gute kommen und das zum Selbstkostenpreis. Warum gilt das eigentlich noch nicht für die digitale Infrastruktur? Warum sind wir durch Corona gezwungen, auf Angebote privater Firmen zurückzugreifen, die in Bezug auf Datenschutz, Transparenz und Zugänglichkeit alles andere als vorbildlich sind? Weil die öffentlichen Hände eine solche Infrastruktur nicht auf die Beine stellen könnten? Wohl kaum. 

Wir haben einen hervorragenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der eine Säule der demokratischen Willensbildung ist. Aber die elektronische Kommunikation, unser gesellschaftliches Miteinander im digitalen Raum überlassen wir Privatunternehmen, deren Algorithmen auf Klickzahlen getrimmt sind und nicht der Maßgabe folgen, was wir als Gesellschaft brauchen, um uns über uns selbst zu verständigen. Sollten wir uns es nicht wert sein, eine öffentliche Daseinsvorsorge auch für den digitalen Raum zu schaffen: für alle frei zugänglich, mit bestem Datenschutz versehen und transparent in ihren Strukturen?

Solidarität ist in Corona-Zeiten ein viel strapazierter Begriff. Und in der Tat kommt es jetzt besonders darauf an. Wir halten Abstandsregeln ein, Nachbarn helfen Nachbarn, deutsche Ärzte versorgen Patient*innen aus Europa – auch hier ist die Liste der Beispiele lang. 

Als Europäische Union geben wir allerdings kein gutes Bild ab. Jeder werkelt für sich und die, die mehr haben, wollen nur ungern etwas abgeben, an die, die weniger haben. Ist das klug? Vom Virus sind alle Länder gleichermaßen bedroht. Auf diese symmetrische Bedrohung aber reagiert die EU asymmetrisch: Die reicheren Ländern laden ihre »Bazookas«, um die Gesundheit ihrer Bürger*innen wie auch die Wirtschaft optimal zu schützen. In den ärmeren Ländern fallen die Hilfsprogramme notgedrungen deutlich kleiner aus. Aber weder der Virus noch der Wirtschaftseinbruch machen an Ländergrenzen halt. Warum also statten wir als Europäer*innen nicht alle Länder gleichermaßen mit Hilfsmitteln und finanziellen Ressourcen gut aus? Wenn ein Dammbruch droht, verstärkt man den Damm doch auch an allen Stellen gleichermaßen.

Die »neue Normalität« – sie beginnt jetzt. Es liegt an uns, ob wir etwas daraus machen.


Foto: Mark Mühlhaus


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Susanne Hennig-Wellsow

Matthias Eckert

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Für ein lebens- und liebenswertes Erfurt, indem wir gemeinsam aufwachsen, zusammenleben und alt werden können.

Ihre Susanne Hennig-Wellsow"

Susanne Hennig-Wellsow ist Landesparteivorsitzende der LINKEN in Thüringen und Fraktionsvorsitzende der Fraktion DIE LINKE. im Thüringer Landtag.

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