Immer mehr von Armut bedroht

Fast 14 Millionen Menschen sind aktuell in der Bundesrepublik von Armut bedroht, 600.000 mehr als vor der Pandemie. Knapp ein Viertel aller Haushalte müssen mehr als zehn Prozent ihres Nettoeinkommens für Energie ausgeben, auch dies ein starker Anstieg. Und: Fast die Hälfte aller Haushalte plant, ihren Konsum zum Teil deutlich einzuschränken – unter Menschen mit geringen Einkommen sagt eine Mehrheit, sie müssten weniger Lebensmittel kaufen.

Laut dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes hat die Armut in der Bundesrepublik einen neuen Höchststand erreicht. Im zweiten Pandemiejahr 2021 mussten 13,8 Millionen Menschen hierzulande zu den Armen gerechnet werden, 600.000 mehr als vor Corona. Der Paritätische Wohlfahrtsverband rechnet angesichts der aktuellen Inflation mit einer weiteren Verschärfung der Lage. Auffallend sei ein ungewöhnlicher Zuwachs der Armut unter Erwerbstätigen, insbesondere Selbständiger (von 9 auf 13,1 Prozent), die während der Pandemie in großer Zahl finanzielle Einbußen zu erleiden hatten, heißt es beim Paritätischen. Armutshöchststände verzeichnen auch Rentner*innen (17,9 Prozent) sowie Kinder und Jugendliche (20,8 Prozent).

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, appellierte, die Ungleichheit in der Krise endlich wahrzunehmen. »Pandemie und Inflation treffen eben nicht alle gleich«, man habe »keinerlei Verständnis dafür, wenn die Bundesregierung wie mit der Gießkanne übers Land zieht, Unterstützung dort leistet, wo sie überhaupt nicht gebraucht wird und Hilfe dort nur völlig unzulänglich gestaltet, wo sie dringend erforderlich wäre«. Schneider rechnete vor, dass nur zwei Milliarden Euro des insgesamt 29 Milliarden Euro schweren Entlastungspaketes als gezielte Hilfen ausschließlich einkommensarmen Menschen zugekommen. Außerdem würden die Einmalzahlungen durch die Inflation »aufgefressen«, noch bevor sie überhaupt ausgezahlt sind.

Wie derweil das unternehmensnahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln bekannt gab, mussten im Mai 2022 knapp 25 Prozent aller Haushalte in der Bundesrepublik mehr als zehn Prozent ihres Nettoeinkommens für Energie ausgeben; im Jahr 2021 waren es nur 14,5 Prozent der Haushalte. Auch die Forscher des IW verweisen darauf, dass die Belastung mit hohen Energiepreise unterschiedlich ausfällt: Je niedriger das Einkommen, desto höher ist der Anteil, der für Energie fällig wird.

Mit den steigenden Energiepreisen wächst auch die Zahl der energiearmen Haushalt. Als solche gelten alle Haushalte, sobald er mehr als zehn Prozent seines Nettoeinkommens für Energie erübrigen muss. Dies betrifft inzwischen immer öfter auch Menschen aus der so genannten Mittelschicht. »Um ihre Strom-, Gas- und Ölrechnungen zu bezahlen, sind viele dieser Haushalte zukünftig auf Unterstützung angewiesen«, so das IW Köln.

Wie sehr sich die Preissteigerungen vor allem bei Energie und Lebensmitteln auf die alltäglichen Möglichkeiten der Menschen auswirken, zeigt auch eine aktuelle Studie des Instituts IMK der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung. Fast die Hälfte aller Haushalte hierzulande plant, wegen der Inflation ihren Konsum einzuschränken. Vor allem für Gaststätten- und Restaurantbesuche, Bekleidung und Schuhe, im Freizeitbereich und für Innenausstattung und Haushaltsgeräte ist nicht mehr genug Geld da. Betroffen sind auch hier vor allem Menschen mit geringen Einkommen. »In dieser Gruppe gibt es auch eine Mehrheit, die weniger Lebensmittel kaufen will«, so das IMK. Auch bei Energie werden viele Menschen sparen müssen, vor allem jene, die ohnehin schon wenig haben: Haushalte mit geringen Einkommen wollen sich am deutlichsten/häufigsten einschränken, Haushalte mit hohen Einkommen hingegen weniger/seltener.

Gleichzeitig plant eine Mehrheit der Deutschen, ihren Energieverbrauch einzuschränken, am häufigsten bei der Elektrizität. Auch die Pläne zum Energiesparen unterscheiden sich nach verfügbaren Einkommen: Haushalte mit geringen Einkommen wollen sich am deutlichsten und häufigsten einschränken, Haushalte mit hohen Einkommen hingegen weniger und seltener.

Die LINKE hat vorgeschlagen, alle Sozialleistungen sofort und langfristig spürbar zu erhöhen. Die steigenden Preise sollen mit langfristig verbilligten Tickets nach dem Vorbild des 9-Euro-Tickets, mit Mietendeckeln und kostengünstigen Grundkontingenten für Strom und Gas auf ein erträgliches Niveau gedrückt werden. Zur Finanzierung könnte neben einer Vermögenssteuer und der Abschaffung klimaschädlicher Subventionen eine Übergewinnsteuer beitragen. Alle linken Forderungen im Detail finden sich hier.  (Redaktion)